In der ersten Märzwoche fand in Wien eine besondere Bildungsreise statt, die sich den Spuren von Jakob Levy Moreno widmete. Die Gruppe bestand aus zehn Teilnehmerinnen, allesamt Frauen aus dem norddeutschen Raum, darunter Hannover, Hamburg und Stade. Alle sind über das Institut Dr. Ella Mae Shearon miteinander verbunden, sei es durch Ausbildung oder als Kolleginnen.
Die beiden Institutsleitungen Dagmar von Linde-Suden und Thomas Masselink haben die Woche gemeinsam mit Dr. Ingeborg Wegehaupt-Schneider
konzipiert. Leider konnte Ingeborg die Reise aus gesundheitlichen Gründen nicht mit uns antreten. Dennoch war sie mit ihrer Inspiration und ihrer Verbundenheit mit unserer Gruppe auf unseren Wegen durch Wien stets mit dabei.
Die Unterkunft lag im 7. Bezirk im Hotel am Brilliantengrund, einem kleinen, familiengeführten Haus mit zauberhaftem Innenhof. Die Atmosphäre war einladend und inspirierend, das philippinisch-österreichische Essen von bester Qualität – ein ganz spezieller Ort zum Wohlfühlen und Verweilen.
Sonntag
Anreise und Einstimmung
Bereits am Sonntag, noch vor dem offiziellen Beginn der Bildungswoche, besuchte eine kleine Gruppe den Wiener Zentralfriedhof. Dort legten sie Blumen und Steine an Morenos Grab nieder, um ihn zu ehren und sich auf die bevorstehenden Tage einzustimmen.
Montag
Kennenlernen, Erkundung und Bekanntschaft mit historischen Persönlichkeiten
Der offizielle Start fand am Montag im lichtdurchfluteten Yogastudio Prana statt, das sich in einem Hinterhof unweit des Hotels befindet. Die Teilnehmerinnen hatten die Gelegenheit, sich miteinander vertraut zu machen und gemeinsam anzukommen. Dagmar und Thomas gaben einen Überblick der gesamten Woche und den Planungen.
Nach der Mittagspause erkundeten die Teilnehmerinnen jeweils zu zweit die Umgebung, wobei sie sich in historische Figuren einfühlten, und diese schauspielerisch verkörperten. Am Abend kam es im Innenhof des Hotels zu einer besonderen Begegnung: Familie Freud, Jakob Levy Moreno, Viktor Frankl, Emil der Kutscher, Bertha von Suttner, Lou Andreas-Salome, Elfriede Jelinek und Falko trafen aufeinander – ein magischer Moment, der allen in Erinnerung bleiben wird.
Dienstag
Ausflug nach Bad Vöslau
Am Dienstag reiste die Gruppe gemeinsam mit der Wiener Journalistin Ulrike Botzenhart
nach Bad Vöslau, wo Moreno als junger Arzt tätig war. Während der Bahnfahrt berichtete die engagierte Reiseleiterin ausführlich und lebendig über Morenos Kindheit und Jugend, so dass nicht nur die Teilnehmerinnen, sondern auch andere Fahrgäste gebannt zuhörten. Auf dem Weg zum Stadtmuseum Bad Vöslau passierte die Gruppe die alten Gebäude der ehemaligen Kammgarnfabrik, wo Moreno ebenfalls als Fabrikarzt angestellt war. Im Stadtmuseum empfing die Leiterin Dr. Silke Ebster
die Gruppe, obwohl offiziell geschlossen war, und führte uns durch die bewegte Geschichte des Ortes. Und dann standen wir vor der Glasvitrine, in der Erinnerungen, Fotos und Dokumente zu Jakob Levy Moreno, dem Ehrenbürger Bad Vöslaus, gesammelt sind. Vor der eher nüchternen Vitrine zu stehen und gleichzeitig den Beginn der Entstehung des Psychodramas zu erspüren, war für alle ein demütiger, ergriffener Moment.
BUCHEMPFEHLUNG: DIE VILLEN VON BAD VÖSLAU
Wenn Häuser Geschichten erzählen
Der Zauber der Vergangenheit
Der Kurort Bad Vöslau wird oft fälschlich als kleine Schwester von Baden bei Wien bezeichnet. Doch zahlreiche Industrielle, Fabrikanten, Offiziere, Ärzte und Künstlerinnen wie Robert Edler von Schlumberger, Ludwig Mandl, Josef und Ida Jolles, Paul Kestranek, Anton Drasche oder Henriette Lamare erkannten die Schönheit der Gegend, liebten das Thermalbad und ließen sich hier nieder. Ihre großteils noch heute bestehenden Villen faszinieren nicht nur mit ihren prachtvollen Fassaden, sondern machen auch neugierig auf die Geschichten, die sich um ihre Bewohner und Bewohnerinnen ranken. 1938 gerät das Leben vieler Villenbesitzer auf dramatische Weise für immer aus den Fugen …
Die Historikerin Silke Ebster erzählt von bewegenden, tragischen, aber auch amüsanten Schicksalen, die neben den Menschen auch die Geschichte des Ortes für Jahrzehnte geprägt haben.
Frau Dr. Ebster schreibt aktuell an einem Roman, in dem es um eine jüdische Familie und deren Umsiedlung nach Amerika in den Zeiten des Nationalsozialismus geht. Im Frühjahr wird der spannende Roman erscheinen.
Besuch des ehemaligen Wohnhauses von Dr. Jacob Levy Moreno
Angeregt plaudernd spazierte die Gruppe durch die Frühlingssonne zum ehemaligen Wohnhaus von Dr. Moreno im Maital 4, an dem er Soziometrie, Gruppenpsychotherapie und Psychodrama entwickelte. Das Gebäude wird seit den 1980er Jahren als potenzieller Standort für ein Moreno-Museum diskutiert.
Moreno lebte und arbeitete dort von 1918 bis 1925 als Gemeindearzt. Hier entstanden wesentliche Grundlagen seiner psychologischen Theorien. Eine Gedenktafel am Haus erinnert seit 1969 an sein Wirken. Moreno selbst bezeichnete das Haus als sein „irdenes Haus“ und verband damit freudige Erinnerungen.
Und wieder ein besonderer Moment: Wir als Gruppe von Psychodramatiker*innen erleben gemeinsam einen Hauch von Geschichte und sind allesamt berührt und gerührt, vor dem bezaubernden, leider zunehmend verfallenden Haus Morenos zu stehen, verbunden miteinander, verbunden mit dem Psychodrama und verbunden mit dem Entwickler dieser Methode.
Gemeinsamer Ausklang beim Heurigen und historische Stadtführung
Nach einem Tag voller bewegender Momente und tiefgehender Eindrücke gönnen wir uns eine wohlverdiente Pause beim Heurigen. In gemütlicher Atmosphäre genießen wir gemeinsam typisch österreichische Spezialitäten und belebende Getränke. Die angeregte Unterhaltung unter den Teilnehmer*innen zeugt von der Verbundenheit und dem Austausch, den dieser Tag ermöglicht hat.
Gestärkt und in bester Stimmung machen wir uns schließlich auf den Heimweg nach Wien. In der abendlichen Innenstadt erwartet uns ein weiteres Highlight: Ulrike führt uns durch die historischen Gassen und versteckten Winkel der Stadt und bereichert unseren Tag mit spannenden Einblicken in die Geschichte Wiens. Mit vielen neuen Eindrücken durch die gemeinsamen Erlebnisse kehren wir schließlich voller Freude und Zufriedenheit müde in unser Hotel zurück. Was für ein Tag!
Mittwoch
Morgendlicher Start im Esterhazy-Park
Unser Tag begann um 10 Uhr morgens im Esterhazy-Park, da wir erst später Zugang zu den gemieteten Räumen des Yogazentrums hatten. Inmitten der Psychodramagruppe und dieser zauberhaften, kuriosen Stadt fanden wir uns früh zusammen, um gemeinsam den Morgen zu erleben.
Wir starteten mit einer Anwärmung im Kreis – unsere Taschen hingen vorsichtshalber im Baum, um sie vor „Hundepisse“ zu schützen. Durch das Spüren, Schwingen und Lockern des eigenen Körpers brachten wir uns in Bewegung und bereiteten uns auf den Tag vor.
Nebenan saß eine Gruppe von Männern auf einer Bank, die zwar prekär wirkten, sich aber entspannt miteinander unterhielten. Die Szenerie wurde zusätzlich von spielenden Kindern und ihren hellen Stimmen belebt. Der Alltag der Großstadt zeigte sich durch Autohupen und das Läuten einer Kirchenglocke – all das fügte sich perfekt in den Wiener Großstadtzauber ein und wir als Gruppe passten wunderbar in dieses lebendige Bild.
Moreno hätte an diesem Morgen sicherlich auch seine Freude gehabt!
Nach dem morgendlichen Start im Esterhazy-Park zogen wir uns in das Yogazentrum zurück, sobald die Räume zugänglich waren. Dort widmeten wir uns intensiv dem psychodramatischen Arbeiten, bei denen die Themen zweier Teilnehmer*innen im Mittelpunkt standen. Im Fokus standen dabei innere Konflikte sowie das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung. Durch gezielte Methoden und Übungen bot sich den Beteiligten die Möglichkeit, persönliche Anliegen gemeinsam zu reflektieren, neue Perspektiven zu gewinnen und sich gegenseitig unterstützend zur Seite zu stehen.
Am Nachmittag wurde das Programm offen gestaltet: Die Teilnehmer*innen nutzten die Gelegenheit, individuell oder in kleinen Gruppen die Stadt zu erkunden. Dabei führten ihre Wege je nach Interesse ins Freudhaus, in Museen, Kaffeehäuser, Parks, zu Ausstellungen oder in verschiedene Buchläden.
Gemeinsamer Kabarettbesuch im Stadtsaal
Abends besuchen wir gemeinsam im Stadtsaal um die Ecke die Vorstellung des Kabarettisten Alfred Dorfer. In seinem neuen Solostück, dem satirischen Ein-Mann-Theater namens „GLEICH“, schlüpfte Alfred Dorfer elegant in raschem Wechsel in die unterschiedlichsten Figuren. Wir bekamen auf der Bühne neben Großmüttern, Wirten auch Bären, Karpfen oder Sonnenblumen zu sehen. Im deutschen Sprachraum ist der Satiriker mit dem Hang zu gesellschaftspolitischen Themen mit seiner charakteristischen Darstellungsform einzigartig. Vergnüglich und gekonnt spielt er mit seinem Publikum. Nichts und niemand ist vor seinen unerwarteten Gedankengängen sicher. Der Gedankenturner Alfred Dorfer ist legendär für seinen bitterbösen Humor.
Donnerstag
Ein kreativer Schreibtag mit Sabine Spitzer-Prochazka
Wir dürfen einen Schreibtag mit Sabine Spitzer-Prochazka
erleben. Die gebürtige Wienerin ist Psychotherapeutin, Schreibcoach, Autorin und Psychodramatikerin. Durch die Verbindung von Sprache und Kreativität in Veränderungsprozessen unterstützt sie Menschen dabei, ihre Ausdruckskraft zu entfalten und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken.
Beisammensein im Gasthof Schilling
Nach dem inspirierenden Schreibworkshop trafen wir uns im Gasthof Schilling zu einem geselligen Beisammensein mit befreundeten Wiener Psychodramatiker*innen. Diese Zusammenkunft bot uns Gelegenheit, in lockerer Atmosphäre die Erlebnisse der Woche Revue passieren zu lassen und uns über psychodramatische Erfahrungen auszutauschen. Besonders gefreut haben wir uns über die Anwesenheit von
Angelika Eisterer, Katharina Novy, Sybille Hielscher
mit ihrem
Ehemann Peter, Kurt Schablinger,
Sabine
mit ihrem
Hund Happy sowie unserem vielseitigen „Tausendsassa“ Ulli Botzenhart. Ihr alle habt unsere Reise bereichert und unterstützt – dafür möchten wir herzlich Danke sagen. Es ist uns eine Freude, unsere österreichisch-deutsche Psychodrama-Freundschaft zu leben und zu pflegen. Ba, ba – bis bald!
Freitag
Abschluss der Reise - Szenische Reflexion im Yogastudio
Am Freitagmorgen kamen wir im Yogastudio zusammen, um die vielfältigen Erlebnisse und Erfahrungen der vergangenen Woche gemeinsam szenisch zu sortieren und einzuordnen. Unter den Leitmotiven „Fülle“ und „Entfaltung“ betrachteten wir die unterschiedlichen Eindrücke, die jede*r von uns im Verlauf der Tage gesammelt hatte. Jede Teilnehmerin nimmt ihren persönlichen „Rucksack“ prall gefüllt mit Schätzen und Erinnerungen von dieser Reise mit nach Hause. Tiefe Dankbarkeit und der Wohlklang innerhalb der Gruppe waren dabei deutlich spürbar und prägten den Abschluss unserer gemeinsamen Zeit.
Hotel am Brilliantengrund
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Auf dem Weg zum Yoga-Zentrum
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Zum Rollentausch mit historische Personen im Innenhof
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Auf dem Weg nach Bad Vöslau
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Vor dem Stadtmuseum Bad Vöslau
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Morenos Wohnhaus in Bad Vöslau
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Moreno inspiriert zum Posen
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Im Heurigenlokal in Bad Vöslau
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Erwärmung im Esterhazy-Park
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Schreib-Workshop mit Sabine Spitzer-Prochazka
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Jö Schau - ein Nackter im Café Hawelka
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Gemeinsames Essen im "Schilling"
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Im Gespräch mit Wiener Psychodramatikerinnen
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