Warum es sich immer lohnt über den Tellerrand zu schauen und wer und was einem dann so begegnet…… Teil2
Dimensionen der Neurodivergenz
42. Psychodrama Symposion Spital am Pyhrn
Österreich/ ÖAGG Mai 2026
Konzeption und Organisation Elisabeth Grissenberger
Dagmar von Linde-Suden aus Hamburg/ Vorstandsmitglied des Deutschen Fachverbands für Psychodrama/ DFP ist zum zweiten Mal zum Psychodrama Symposion nach Österreich gefahren.
Seit ihrer Teilnahme am letzten Symposion 2025 haben sich zahlreiche Kontakte zu österreichischen Kolleg*innen vertieft, das Netzwerk hat sich erweitert, und gemeinsame Projekte sind kreiert worden. Die Schreibtrainer*innen-Community um Sabine Spitzer-Prochazka ist österreichisch-deutsch bunt gemischt. Im März hat sich eine Psychodramagruppe des deutschen Dr. Ella-Mae-Sharon-Instituts in Wien mit verschiedenen Wiener Kolleg*innen getroffen und ausgetauscht. Im Oktober werden Katharina Novy und Orsolya Lelkes in Hamburg eine Changemaker*innen-Kompaktwoche durchführen, und im November 2026 werden Angelika Eisterer und Sabine Spitzer-Prochazka an der Fachtagung des DFP als Referentinnen teilnehmen.

Mit den beiden Preworkshops von Maria Stadler (Hochbegabung) und Angelika Schatzmann (Körperwahrnehmung und Bewegung als Ressource) beginnt bereits am 1. und 2. Mai 2026 die Tagung.
Pre-WS Stadler: Hochbegabung (HSP) und deren Auswirkungen im Kindes- und Erwachsenenalter
Maria Stadler, psychodramatische Psychotherapeutin und Mutter zweier sehr unterschiedlich hochbegabter Kinder vermittelt lebhaft, kenntnisreich und kompakt einen Abriss über Definitionen, Merkmale, Diagnostik und Risikofaktoren im Bereich Hochbegabung. Die gemischte Workshop-Gruppe besteht aus Therapeut*innen, die zum Teil auch Mütter von hochbegabten Kindern und/ oder selbst hochbegabt sind.
Ausgehend von der Fragestellung „Was ist Hochbegabung?“ berichtet Maria Stadler von fehlenden oder falschen Diagnosen und den Leidenswegen vieler Kinder und Erwachsenen. Die Anwesenden ergänzen dies hautnah und berührend durch ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Menschen mit HSP leiden häufig darunter keine „Gleichgesinnten“ zu finden, haben Probleme mit Autoritätspersonen, fühlen sich unverstanden und drohen sich bei hoher Sensibilität impulsiv zu entladen. Überanpassen und das Verbergen der eigenen Begabung, um Probleme zu verhindern, Perfektionismus, Hochstapler*innensyndrom – vor allem bei Frauen - treten häufig auf.
Gemeinsam schaut sich die Gruppe den Film „Verdammt schlau. Hochbegabung zwischen Fluch und Chance“ des Medienprojekts Wuppertal an. In diesem Film werden 4 Kinder und Jugendliche mit einer durch standardisierte Verfahren gemessenen, weit überdurchschnittlichen Begabung porträtiert. Bei aller Unterschiedlichkeit fallen erschreckende Ähnlichkeiten auf. Der Film versteht sich als unbequemer Beitrag zur Frage, wie unser Schulsystem mit Kindern umgeht, die aus dem Rahmen fallen.
Den Umgang mit einer Klientin mit HSP stellt die Gruppe szenisch gemeinsam dar. Das psychodramatische Spiel „Ich bin eine geile Sau“! zeigt die Vielfalt und Komplexität innerer Anteile auf und macht die Wichtigkeit der Annahme aller Anteile überaus deutlich. In der Psychotherapie gilt es mit Fehldiagnosen und unerkannter Hochbegabung umzugehen. Patient*innen erleben sich oft als “gestört”. Die eigene Haltung der Therapeut*in muss reflektiert (Neid, Angst vor Unterlegenheit…) und transparent gemacht werden. Und hilfreich ist es allemal, wenn man den manchmal besonderen Humor der Patient*innen versteht.
Nach einem „Sektempfang“ mit nichtalkoholischen Getränken und der Begrüßung durch Dr.in Silvia Weigl und einer Einleitung ins Thema Neurodivergenz von Dr.in Elisabeth Grissenberger und Markus Steidl startet das Symposium offiziell mit 2 Online-Vorträgen mit 160 Teilnehmer*innen. Die Sitzreihen sind mit Popcorn-Tüten für die Zuhörer*innen dafür bestens vorbereitet.
Vortrag1 Dr.in Astrid Neuy-Lobkowicz Aschaffenburg
„ADHS- Nur Hibbeligkeit oder eine ernstzunehmende Erscheinung?“
ADHS bleibt oft unerkannt – mit Folgen für Beruf, Beziehungen und Gesundheit.
Dr. in Astrid Neuy-Lobkowicz, eine der führenden ADHS-Expert*innen referiert über die dramatischen Folgen einer späten Diagnose - und darüber, wie eine gezielte Behandlung Leben verändern kann.
Als eine der ersten in Deutschland spezialisierte sich Astrid Neuy-Lobkowicz schon vor über 20 Jahren auf Erwachsenen-ADHS. Seitdem setzt sie sich dafür ein, dass diese ''neurologische Besonderheit'' endlich ernst genommen wird. Denn ADHS sei weit mehr als Zappeligkeit und Konzentrationsschwierigkeiten – und längst nicht nur etwas, das Kinder betrifft. Doch wie lebt es sich mit einem Gehirn, das aufgrund von ADHS ständig unreguliert auf Hochbetrieb läuft? Astrid Neuy-Lobkowicz kann mitfühlen – nicht nur aus medizinischer Sicht, sondern auch aus eigener Erfahrung, als Mutter von 5 Kindern, 3 davon mit ADHS und selbst Betroffene. Die Folgen einer fehlenden Diagnose und entsprechenden Hilfen seien gravierend: Schwierigkeiten im Beruf, instabile Beziehungen, schwerwiegende psychische Begleiterkrankungen.
Die Ärztin, Psychotherapeutin und Autorin Neuy-Lobkowicz setzt sich für ein besseres Verständnis von ADHS als neurologischer Erkrankung ein, um Fehldiagnosen zu vermeiden und Betroffenen durch gezielte Therapie entsprechend der aktuellen Leitlinien zu helfen (Medikation und anschließende Verhaltenstherapie). Ergänzend wird aus dem Publikum darauf hingewiesen, dass mithilfe von kreativen Psychodrama-Settings und einer konsequenten Ressourcen-Orientierung Kinder und Erwachsene seit Jahrzehnten erfolgreich behandelt werden.
Vortrag 2 Dr.in Christine Preißmann Darmstadt
„Überraschend anders?“ ASS in der therapeutischen Praxis
Die Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie, Autorin und tätig mit eigener Praxis / Schwerpunkt Autismus im Erwachsenenalter hat ihre Asperger* Diagnose im Alter von 27 Jahren erhalten.
Schon bei den ersten Sätzen ihres Vortrages wird deutlich, wie strukturiert und auf das Wesentliche fokussiert Frau Preißmann ihre Erläuterungen präsentiert. Dabei ist sie sehr auf die Zuhörer*innenschaft bezogen und erklärt dezidiert ihr geplantes Vorgehen.
Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung empfinden und agieren anders als ihre Mitmenschen. Sie neigen zu stereotypen Verhaltensmustern, erleben Beeinträchtigungen in der Kommunikation und sozialen Interaktion. Aus ihrer eigenen Schulzeit berichtet Frau Dr. in Preißmann, wie es ihr gelungen ist, durch heftige Knieschmerzen quälenden Pausen auf dem Schulhof, Sportunterricht und überfordernden Klassenfahrten zu entgehen.
In ihrem Vortrag betont Dr.in Christine Preißmann, wie hilfreich geregelte Strukturen und konkrete Anweisungen für autistische Menschen sind, und wie notwendig feste Ansprechpartner*innen in der Schule, am Arbeitsplatz und der Therapie sind. Langjährige therapeutische Begleitung (Psychotherapie/ Ergotherapie) besonders in alltäglichen Situationen war notwendig, damit sie Schritt für Schritt lernen konnte zu verstehen, wie die Welt funktioniert, und sich dann darin zurecht zu finden.
„Verschieden zu sein ist ein Gewinn für alle Menschen. Neben jedem Handicap steht auch ein enormes Potential, das gefördert und entwickelt werden kann.“
Von Menschen im Autismusspektrum, die auf der Suche nach gezielter Hilfe sind, erhält Christine Preißmann zwischen 50-80 Mails pro Tag. Das macht deutlich, wie erschreckend wenig angemessene Unterstützungsangebote es derzeit in Deutschland gibt. Frau Dr.in Preißmann arbeitet als Fachratgeberin und erweitert systematisch das Netzwerk, um angemessene Hilfen/ Therapeut*innen für die Betroffenen zu etablieren.
Ihr Ziel ist es, möglichst viele Unterstützer*innen zu qualifizieren, um die Lebenszufriedenheit und die Chancen auf ein glückliches Leben der Betroffenen zu erhöhen.
*Hinweis zu Asperger – Der österreichische Kinderarzt und Heilpädagoge Hans Asperger war in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied einer Kommission, die mehrere Kinder als „aussichtslose Fälle“ einstufte.
Die Kinder sind dann im Rahmen der „Kindereuthanasie“ ermordet worden.
Am Samstag, den 2. Mai starten nach dem Frühstück die insgesamt 12 Workshops rund um das Thema Neurodivergenz, die vor- und nachmittags in Räumen des Hauses der Naturfreunde und in den barocken Räumen des Stiftes stattfinden.
WS1 Hypersensibilität HSP Dr.in Elisabeth Grissenberger
Zu Beginn ihres Workshops betont Elisabeth Grissenberger, dass es nach aktuellem Stand der Forschung etwa 70% neurotypische (NT) und rund 30% neurodivergente (ND) Personen gibt. Innerhalb dieser Gruppen sind 15–20% als hochsensible Personen (HSP) anzusehen, die zudem Merkmale wie Hochbegabung, Autismus-Spektrum-Störung (ASS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) aufweisen können. Die Überschneidung der jeweiligen Symptomatiken ist bislang unzureichend erforscht.
Neurodivergenz beschreibt eine Variation neuronaler Hirnfunktionen; Neurotransmitter üben dabei Einfluss auf die Zellfunktion und die Aktivität der Amygdala aus. Diese Ausprägung ist angeboren. Hochsensibilität (HSP) kann mittels MRT und EEG nachgewiesen werden. Bei Menschen mit erhöhter Empfindsamkeit steigt der Cortisolspiegel nach Stress signifikant an. Elaine Aron beschrieb 1996 zentrale Merkmale hochsensibler Personen: intensive Informationsverarbeitung, schnelle Überstimulation, ausgeprägte emotionale Reaktivität, sensorische Sensitivität, Synästhesie, Intuition, gesteigerte Spontanität und Kreativität, ein erhöhtes Rückzugsbedürfnis, starker Perfektionsanspruch sowie verzögerte Reifeentwicklung.
Zu den möglichen Folgeerscheinungen zählen eine erhöhte Vulnerabilität und damit verbundene Nähe zu psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, sozialer Isolation und Schlafstörungen. Hochsensibilität wird als angeborenes Persönlichkeitsmerkmal verstanden, weshalb eine klare Abgrenzung zu ICD-Diagnosen erforderlich ist.
Die Teilnehmer*innen des Workshop erarbeiten in Kleingruppen anhand von 4 Märchen die Besonderheiten von HSP in der jeweiligen Geschichte. Sie gehen der Frage nach, in welcher Form sich diese in der Praxis zeigen. Außerdem stellen die Teilnehmer*innen einen eigenen Notfallkoffer zusammen. Im Anschluss erörtern wir gemeinsam, was in der Therapie getan werden sollte.
Ein wichtiger Aspekt ist der Aufbau einer stabilen Beziehung zur Klient*in und das aufmerksame Beobachten, welche Auslöser besonders intensive Reaktionen hervorrufen, um dann gezielt unterstützende Maßnahmen anzubieten – beispielsweise gedimmtes Licht, weniger Geräuschkulisse oder flexible Terminvereinbarungen u.v.m. Zu den Methoden zählen Psychoedukation, die Orientierung an vorhandenen Ressourcen, Achtsamkeitsübungen sowie Meditation und Selbstzentrierung. Wichtig sind zudem das frühzeitige Erkennen von Stressfaktoren, Körperwahrnehmung, Emotionsregulation, das Wahrnehmen individueller Bedürfnisse, das Einbeziehen spezieller Interessen und die Berücksichtigung grundlegender Bedürfnislagen.

WS2 Forschung in der Psychodrama-Psychotherapie
Dr. Robert Fellinger/ Susanne Neureiter-Penn/ Prof. Kurt Fellöcker/ Dr. Helmut Kronberger
Zu Beginn des Workshops präsentiert Dr. Robert Fellinger einen unbekannten Gegenstand, der durch Merkmale wie Alter, Holzmaterial, mechanische Komponenten und einen Griff charakterisiert ist. Die Teilnehmer*innen werden gebeten, Hypothesen zu formulieren, um die mögliche Identität des Objekts zu bestimmen. Abschließend stellt sich heraus, dass es sich um einen alten Funken-Anzünder aus einer Schmiede handelt.
Die Teilnehmer*innen erkunden gemeinsam mit den vier WS-Leitenden, an welchen Orten und auf welche Weise sie in ihrer Kindheit oder später mit Neugier etwas erforscht haben (Insekten/ Objekte auseinanderbauen/ Dachbodenfunde etc.). Dr. Helmut Kronberger referiert zur Thematik des Beobachtens. Im wissenschaftlichen Kontext wird Datenerhebung geplant und dokumentiert. Perspektivität, Selektivität und Konstruiertheit des Beobachtungsprozesses werden offengelegt.
Die Beobachtungstypen unterscheiden sich nach dem Grad der Beteiligung der Beobachtenden. Es wird zwischen teilnehmender Beobachtung, bei der die Beobachtenden aktiv am Geschehen beteiligt sind, und nicht teilnehmender Beobachtung, bei der die Beobachtenden eine distanzierte Position einnehmen, unterschieden. Mögliche Ziele der Beobachtung in Psychodrama-Gruppen umfassen Gruppenstruktur, -kultur und -dynamik wie auch die Beobachtung von Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen innerhalb der Gruppe.
Im Rahmen der Beobachtung lassen sich verschiedene Aspekte erfassen, darunter menschliche Handlungen, Interaktionen, sprachliche Äußerungen, der Ausdruck von Emotionen sowie die Bedeutung und der Ablauf einzelner Handlungen. Zu den häufigsten Beobachtungsfehlern zählen Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Deutungsfehler.
Im Anschluss daran lädt Prof. Kurt Fellöcker die Gruppe zu einem Labor-Experiment ein. Die Teilnehmer*innen werden in einen Innen- und Außensitzkreis positioniert. Im Außenkreis befinden sich die Beobachter*innen, denen eine Beobachtungshilfe mit spezifischen Hinweisen zur gezielten Beobachtung und Interpretation zur Verfügung gestellt wird.
Im Innenkreis nehmen sieben Personen Platz: ein Leiter sowie sechs Teilnehmer*innen. Der Leiter gibt eine minimale Einführung. Die Gruppenmitglieder zeigen sich von Anfang an unsicher. Mit verschiedenen Vorschlägen wie gemeinsamem Singen, Summen, der soziometrischen Wahl eines Themas bis hin zu einem Fluchtplan und drängenden Nachfragen versuchen sie über einen Zeitraum von 35 Minuten „irgendwie“ eine Gruppenstruktur zu entwickeln.
In der Nachbesprechung wird ersichtlich, dass eine positive Gruppenentwicklung gezielt durch die Leitung, die nicht leitet, verhindert wurde. Die Teilnehmenden bleiben stark irritiert und verharren in Anonymität, nennen beispielsweise ihre Namen nicht und versuchen die Leitung auszuschließen. Die Anfälligkeit einer instabilen Gruppe für Manipulation und vermeintlich einfache Lösungen durch eine/n Führer*in wird thematisiert.
Die Frage, was genau innerhalb einer Gruppe geschieht, steht im Fokus der wissenschaftlichen Forschung. Das Forschungsinteresse richtet sich auf die Analyse der Gruppenstruktur und des Gruppengeschehens mittels der Methode der Beobachtung.
Abschließend wird der Wunsch nach passenden Formaten geäußert, die auch finanziert werden, um das Wesentliche des Psychodramas -die Gruppe- wissenschaftlich weiterhin erforschen zu können.
Traditionell wird der Abend mit einer wilden Tanzparty bis in alle Nacht ausgelassen zelebriert. Es werden sogar Songs von Helene Fischer und Udo Jürgens abgespielt und von einem begeisterten Publikum abgefeiert.
Am Sonntagmorgen stand beim Abschluss des Symposions mit einem von Markus Steidl angeleiteten Soziodrama ein gemischtes Team aus neurotypischen und neurodivergenten Personen, das einen Betriebsausflug organisieren sollte, im Fokus. Das Fazit könnte lauten, dass wirkliche Teilhabe und Inklusion erst dann möglich werden, wenn die sogenannt Neurotypischen bereit sind, sich selbst und ihr Verhalten kritisch zu reflektieren.
Bewegende Tage einer perfekt geplanten und umsichtig durchgeführten Tagung enden mit dem Dank aller an die Hauptorganisatorin Elisabeth Grissenberger mit einem inszenierten Blumenstrauß.
Ausblick: Das nächste ÖAGG-Symposion im Mai 2027 wird von Manuela Hofer-Hartnig und Wolfgang Hofer/Linz vorbereitet und sich um das Thema „Warum wir lieben?“ drehen und wie es gelingen kann, in der Psychodrama-Gemeinschaft ein soziales Lagerfeuer zu entfachen.
Interessantes aus der Psychodrama-Welt


































